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Gedanken

„Mama,

machst Du Dir manchmal Gedanken übers Sterben und den Tod?“

Am 6.3.2026 beim Besuch „unserer Mama“ im Krankenhaus in Sindelfingen.
 
Gut sieben Monate zuvor erlitt Mama zuhause, beim Abenessen mit Papa, plötzlich einen Herzstillstand – und nachdem sie Papa, wie durch ein Wunder reanimieren konnte!?!, folgten zehn Operationen, mit Aneurysma, Blutklumpen in der Lunge und mehreren Wochen künstlichem Koma.
Ab Mitte Dezember war sie dann im Rollstuhl zuhause – mit mehreren Stürzen, weil der Kopf natürlich das Hausfrau-Sein nicht loslassen konnte…
Am 9. Februar brach sie sich dabei den Oberschenkelhals und bekam tags darauf ein künstliches Hüftgelenk, worauf wegen hohem Blutverlust und schlechter Werte die Intensivstation folgte . Nach ein paar Tagen bekam sie einen Herzschrittmacher wegen rasendem und aussetzendem Herzen.
Endlich auf der normalen Krankenstation, musste das untere Teil des Hüftgelenks wegen Infektion ausgetauscht werden und da es sich wieder infiziert hat versucht man es seit ein paar Tagen mit einer Antibiotikatherapie – um nicht noch einmal operieren zu müssen…

Als wir nun mit Mama am Sonnenplatz des Flurendes sitzen, kommen plötzlich folgende Worte aus mir, die Xiao, angeblich fasziniert von ihnen, irgendwann sogae beginnt heimlich aufzuzeichnen – bis zur Aufzeichnung Xiaos Erinnerungen:

[Xiao aus ihrer Erinnerung]
Vergangenen Freitag sind Frank und ich Susanne besuchen gegangen.

Wir drei saßen am Ende des Flurs vor der Balkon-Glastür, durch die ein Streifen Sonnenlicht hereinfiel.
Das Licht am Ende des Winters war blass, als wäre es von weit her gekommen.
Als es das Fenster erreichte, schien es schon ein wenig müde zu sein und konnte nur noch still auf die Wand fallen, auf den Boden, auf unsere Handrücken.

Susanne blickte in die Ferne, und ich blickte sie an.
Unwillkürlich fragte ich mich, woran sie wohl dachte.

Ein Mensch, der mehrere große Operationen erlebt hat und zwischen Leben und Tod geschwebt hat – wie sieht sie heute auf Leben und Tod?
Woher kommt die Hartnäckigkeit und Lebenskraft, die in ihr steckt?
Welche Spuren haben all die Jahre in ihrem Inneren hinterlassen?

Als hätte er die Fragen in meinem Herz gelesen, begann Frank plötzlich zu sprechen:
„Mama, machst Du Dir manchmal Gedanken übers Sterben und den Tod?“

Sie zuckte mit den Schultern und schwieg einen Moment.
„Eigentlich nicht“, murmelte sie.

Frank fuhr fort:
„Dabei gehört das Sterben zum Leben – ist die natürlichste Sache der Welt.
Der Tod ist für die Meisten von uns leider immer noch ein Tabuthema, obwohl er ein Teil des Lebens ist – eine ganz natürliche Sache – verdrängen wir ihn dennoch.

Mama, allein in den letzten Monaten hast du mehr als zehn Operationen durchgemacht und bist drei Wochen im künstlichen Koma gelegen.
Du warst ein paar Mal dem Tod näher als dem wieder gesund werden. Für dich sollte der Tod inzwischen eigentlich kein Thema mehr sein, das man verdrängt.“

Susanne hörte still zu, ihre Augen weiterhin in die Ferne gerichtet.

„Wir feiern die Geburt und trauern um den Tod.
In unserer Kultur scheint der Tod das Ende von allem zu bedeuten – das Ende des Lebens, das Ende der Freude, das Ende der Liebe.

Doch in einigen alten Kulturen feiern die Menschen den Tod und trauern über die Geburt.
Denn von dem Moment an, in dem wir geboren werden, begleiten uns Trennung, Angst, Kampf und unsichtbare, dennoch stets vorhandene Fesseln.

Und der Tod ist vielleicht genau die Befreiung von all dem.
Er ist die Wiedervereinigung mit dem Schöpfer, das Tor zur Freiheit.

Angeblich malten viele Kinder in den Konzentrationslagern kurz vor ihrem Tod immer wieder unbewusst Schmetterlinge an die Wände.
Vielleicht haben sie schon früh diese Befreiung gespürt – sich durch den Tod aus dem Kokon zu befreien, zu fliegen – von der mühsam auf der Erde kriechenden Raupe zum in Leichtigkeit aufsteigenden Schmetterling.“

Susanne blieb still, doch ihr Blick wurde konzentrierter, tiefgründiger.

„Mama, der Tod ist kein Ende – man kann sogar sagen, er existiert nicht.
Der Tod ist eine Wandlung – zurück zu einer anderen, freieren Form.

Du scheinst ja gerade das Buch ‚Das geheime Leben der Bäume‘ zu lesen, darin zeigt uns die Natur deutlich das Geheimnis des Todes.
Blätter fallen, vergehen und werden zu Erde, die in Verfall und Unreinheit neue Blätter nährt – die Bäume wechseln aber die Energie ist immer die selbe.

Weißt Du Mama, dass auch das Wasser auf der Erde von Beginn an immer dasselbe Wasser ist?
Egal wie sehr wir es vergiften, beim Kondensieren und Aufsteigen ist es wieder ursprünglich rein.
Warum sollte es mit uns Menschen anders sein – bei jedem Sterben bleiben unsere Schmerzen, Ängste und Schwere zurück und alle Unreinheiten sind gereinigt.
Wir tragen keine Schuld, keine Angst und keine Last mit uns, sondern werden wie Wasser beim Aufsteigen rein – egal wie belastet, vergiftet oder krank wir waren. Alles Unreine wird zu reinem, klarem Sein.“

Plötzlich atmete Susanne leise aus, und ihre Schultern entspannten sich langsam – als hätte sie eine schwere Last abgelegt.
Fast im selben Moment merkte ich, wie auch mein eigener Atem ruhiger wurde – still saß ich da und hörte zu.

Über den Tod nachzudenken ist selbst für junge Menschen nicht zu früh.
Wenn man den Tod nicht kennt, kann man dann das Leben wirklich verstehen?
Und in dem Moment sagt Frank: „Mama, so lange wir den Tod nicht verstehen, haben wir nicht richtig gelebt.“

Ich sah das Licht in seinen Augen, hörte die Sanftheit in seiner Stimme und spürte, dass seine Worte ganz natürlich aus seinem Herzen flossen.

Dieser Moment war wirklich schön.

Mutter und Sohn – offen und ehrlich – ohne jede Barriere zwischen ihren Herzen.
Plötzlich spürte ich, wie meine Augen warm wurden und mir Tränen übers Gesicht liefen.

Auf einmal wollte ich diesen Moment festhalten – diese Worte, diesen kleinen Ausschnitt von Zeit und Raum.
Also nahm vorsichtig mein Handy heraus und drückte leise auf die Aufnahmetaste.

Transkription des (schwäbischen) Audios:

[ich]
Wenn jemand sagt: „Susanne, das wird schon wieder“, so wie du ja zu Anderen auch sagst: „Das wird schon wieder“ – du kannst da denken: „Das darf wieder werden, aber wenn es nicht wird, freue ich mich aufs Heimkommen“.
Stell dir vor, was da für ein Frieden da wäre.

Da kannst du dir vorstellen, welchen Frieden ich habe, dass ich mir sage: Ich freue mich aufs Sterben – ich lebe auch gern, aber ich freue mich auch aufs Sterben. Weil so schwer, auch wenn mein Leben nicht arg schwer ist, weil so schwer wie hier, wird es garantiert dort nicht sein, wo man danach hin kommt.

Und wir werden immer verbunden bleiben.
Menschen, die sich mal geliebt haben, werden sich immer wieder begegnen. Vielleicht das nächste Mal als Frau und Mann oder als Kind und Mutter oder als, wie auch immer.
Menschen, die sich einmal liebevoll begegnet sind, werden sich immer, immer und immer wieder treffen, weil das die gleiche Seelenenergie ist.

Deshalb braucht man gar keine Angst vor dem Loslassen.
Alles das hat Jesus auch gepredigt, nur hat es keiner verstanden.

[Mamas Blick schweift lange ruhig in die Ferne]

Deiner Mama, deinem Papa, deiner Mutter, deiner Schwester, allen wirst du wieder begegnen – ganz bestimmt.
Da bin ich mir 100% sicher. Und ich kriege ja auch die Zeichen, Mama. Es ist ja nicht so, dass ich das nur glaube, sondern ich kriege immer und immer wieder die Zeichen, dass es so ist.

Und stell dir vor, wenn du heimkommst und die warten auf dich und sagen, wir haben nicht lange gewartet.
Da oben gibt es keine Zeit. Die machen einmal mit den Augen – zwinkern die – und dann bist du da.

Nur hier unten, wo es Zeit gibt, kann es lange dauern.
Das heißt, wenn du mal da oben bist, wird es ein Augenzwinkern dauern, und wir sind auch bei dir. Egal, ob es der Björne ist, oder deine [anderen] Enkel.

[Telefonklingeln weiter vorne im Flur]

[Mama]
Ich bekomme schon wieder Schlaf, gell?

[ich]
Bekommst du Schlaf?
Das darf auch sein.
Du hast das ganze Leben gearbeitet, jetzt darf auch mal Ruhe da sein, oder nicht?

Stell dir vor, du wärst jetzt nicht krank geworden. Du hättest weiter gepowert bis zum Umfallen. Ist doch auch schön, dass es jetzt die Zeit gibt, dass du nichts tun musst.
Dass andere dich pflegen dürfen.
Du hast gearbeitet – nicht für 80 Jahre – du hast gearbeitet für 150 Jahre.
Von dem, was du gearbeitet hast, bist du eigentlich nicht 80 [Jahre] – da bist du eher über 100.
Da darf auch mal Ruhe kommen. Oder nicht?

Und Mama, vor allem Ruhe im Geist – dass du nicht kontrollieren [musst].
Das läuft alles.
Und Dinge laufen schlecht und Dinge laufen gut, aber das gehört dazu.

Es gibt Regen, es gibt Sonnenschein, und alles hat seinen Grund. Dann darfst du jetzt einfach nur genießen, wie du bist.
Und nicht hoffen, dass etwas anderes wieder so kommt – sondern du darfst den Moment jetzt für dich ganz allein haben.

Und viel [innerlich] aufräumen und viel verstehen, dass man selber manchmal etwas nicht so gut gemacht hat. Und dass auch andere oft Sachen nicht gut gemacht haben.

Und das nennt man Vergebung.
Wobei für mich der Begriff Vergebung nicht richtig ist, denn dann wäre Schuld da.
Für mich ist es einfach nur tief verstehen – mich, mein Leben und auch alle Andere.

Und wenn das kommt, Mama, dann bist du zu Jesus geworden. Dann hast du Jesus‘ Gedanken, der niemand verurteilt hat.

Die Hure – das war das Schlimmste, was es damals gab – der hat er die Füße geküsst und gewaschen. Nicht, weil er ihr vergeben hat, sondern weil er sie verstanden hat. Und dann lebst du in den Gedanken Jesus‘.

„Ihr seid in mir und ich bin im Vater“.
Das waren diese Worte. Dann verstehst du, was er damit meint.

Sollen wir dich ins Bett bringen? Fühlst du für Schlafen?
Dann sagst du‘s einfach.
Dann gehen wir mal rein [ins Zimmer].

[Mama]
Wie spät haben wir es denn?

[ich]
Ich nehme an Viertel zwölf – oder?
Zwanzig nach zehn erst!

Wir sind schon um neun gekommen, weil ich den Arzt sprechen wollte.

Und das Gleiche was ich mit dir spreche, spreche ich auch mit dem Papa manchmal. Dass er auch loslassen kann.

Dass er nicht kaputt gehen muss da dran. Sondern dass er weiß, dass du gut aufgehoben bist. Und dass auch er gut aufgehoben ist, egal wie es geht.

Papa ist ja auch bloß ein Kämpfer. Der hat auch sein ganzes Leben bloß gekämpft.

Und immer war er zu alt.
Immer hat er Angst gehabt vor dem Altwerden.
Das ist auch ein Kampf.
Und jetzt darf er dienen und das tut gut.

Das hat für sein Leben gefehlt. Und du darfst Zeit für dich haben.
Und das hat in deinem Leben gefehlt.

Und die Frau Dr. Kübler-Ross – da haben wir ein Hörbuch gehört wo es ums Sterben geht, das hat euch Beide tief berührt, das habt ihr damals gesagt – die  hat nicht sterben können. Und da hat sie plötzlich gemerkt: „Mein ganzes Leben war ich ungeduldig. Und jetzt darf ich Geduld lernen.“
Und als sie das begriffen hatte, hat es nicht lange gedauert und sie durfte sterben.

Alles das, was uns fehlt, kommt zum Schluss noch.
Es ist nichts Böses, es ist nichts Schlechtes.
Es ist bloß das, was wir bisher nicht sehen haben wollen.

Du darfst Zeit für dich haben. Du bist wertvoll. Nicht für andere. Nur noch für dich.
Und das ist fantastisch, weil du immer nur für andere wertvoll warst.

Jetzt darfst du das für dich sein. Das steht in dem Baumbuch wohl auch irgendwo drin ist. Der Baum ist einfach. [‚Das Leben der Bäume‘, das auf dem Tisch neben ihrem Krankenbett liegt – ein Geschenk von Xiao an meinen Papa]

Der gibt Blätter, der gibt Früchte, der gibt Samen. Aber im Endeffekt ist er für sich. Und vielleicht genau in dem Moment, wo er zerfällt, weil er dann einfach nur sein darf.

[Mama]
Hast du mal den Deeg [Nachbar] besuchen wollen?

[ich]
Den Jürgen? Den habe ich schon besucht. Aber nur zufällig.
Weil die Frau Deeg rüber gerufen hat und dann die Sabine [Tochter] nachher angerufen hat weil das Bett nicht hoch und runter ging. Und dann bin ich rübergegangen.

Und einmal sind wir gerade mit dir [im Rollstuhl] los gegangen [spazieren].
Und dann haben sie doch gehalten mit dem Auto, wo die Sabine dich noch kurz in den Arm genommen hat. Und da ist der Herr Deeg ja auch im Auto gesessen.
Und das sind ja schon kleine Besuche.
Weil der ist ja nicht mehr so viel [present]. Der ist ja relativ dement auch. Ich habe ihn im Herzen.
Und auch er erlebt, was noch fehlt.

Der da oben weiß gut, was er macht.
Der macht keine Fehler.
Und der will uns auch nicht weh tun.
Weh tun uns unsere Gedanken, die das halt so wahrnehmen.

Und wir sollen wieder von allen Grüße sagen – wo wir hinkommen.

[Mama]
Danke

[ich]
Ich habe gesagt, seht es mir nach, ich kann mir nicht alle Namen merken. Aber alle die Dich, Mama, kennen, sagen überall Grüße.

Ich weiß oft gar nicht, wer das ist. Also alle, wen du auch immer kennst, schicken natürlich ganz liebe Grüße.

Aber wenn ich denen sage, meine Mama ist jetzt auf dem Weg zu sich selbst, dann werden die tief berührt sein.
„Die hat jetzt Zeit für sich. Und muss nicht mehr funktionieren. Einfach nur noch sein.“

So, jetzt ist die Predigt rum.

[Xiao]
Du bist gut im predigen.

[ich]
Ha ja, das ist mein Job.
Mama, du sagst manchmal, ich hätte ja mit meinen Fähigkeiten wirklich etwas werden können [ErfolgReich].
Ist nicht das, was ich tue, vielleicht noch viel wichtiger:
Menschen ans Herz erinnern. Und nicht in dem Ganzen mitmachen. Wo alle bloß kämpfen.

Glaubst du nicht auch, dass es Jesus‘ Mutter lieber gewesen wäre, dass er nicht verurteilt wird, dass er das macht, was andere auch machen – arbeiten – und jeder ist zufrieden damit.
Es braucht immer wieder Menschen, die uns wieder erinnern – an das, was wir wirklich sind.

Ich bin kein Jesus, aber ein bisschen ist mein Weg der.
Wenn du meinen Weg genau anguckst – schau mal, wie ähnlich der zu Jesus‘ Weg ist.
Und viele verurteilen mich, weil ich nicht so bin wie die anderen.

Aber Jesus war wichtig für uns Menschen. Zu zeigen, da ist viel, viel mehr da.
Weißt du, was er gesagt hat zu den Menschen?

„Wenn ihr mir nachfolgen wollt, müsst ihr eure Familien verlassen.“
Weißt du, was das bedeutet? Solange du in dem Trott drin bist, wirst du nicht rauskommen.

Das ist schlimm, wenn das Jesus sagt. „Ihr müsst eure Familien verlassen“. Aber wenn wir es verstehen, ist es gar nicht schlimm.

Wir müssen rauskommen aus dem Trott. Wenn du mein Leben anguckst, ist genau das passiert.
Und deshalb darfst du dich freuen, dass du Söhne hast, die nicht in diese Gesellschaft reinpassen.

Die Gesellschaft ist nur auf Krieg und Kampf. Jeder will für sich bestehen.
Da darfst du stolz sein, dass du Söhne hast, die anders sind.

Und keiner von uns hat gelitten. Selbst Uli [mein Bruder der 2016 an Krebs gestorben ist, während auch ich auf der China-Radtour dem Tode sehr nahe war] hat den Jesus gesehen im letzten Moment.
Und der hat schon auf ihn gewartet.

Und wenn du das so sehen kannst, brauchst du dich für uns nicht schämen. Und du brauchst auch für uns nicht traurig sein.

Wie Jesus‘ Mutter, die war sehr traurig, dass er den Weg gehen muss – aber sie hat auch verstanden, wie wichtig ihr Sohn für die Menschheit ist. Und dann kannst du auch für uns ganz beruhigt sein.

Harald ist zufrieden mit seinem Leben – und ich bin auch sehr zufrieden mit meinem Leben. So zufrieden, dass ich gar nicht weiterleben muss. Ich lebe auch noch 50 Jahre, aber ich muss nicht mehr leben.

Und das ist Zufriedenheit. Und wenn du Söhne hast, die zufrieden sind, dann hast du das Maximale gemacht, was man für Söhne machen kann.
Du hast Söhne aufgezogen mit dem Vater zusammen, die ein Leben wählen, wo Zufriedenheit da ist.

Ganz viele reiche Menschen sind nicht zufrieden – sonst könnten sie aufhören.
Und für uns ist es genug.

Harald braucht nicht mehr, ich brauche nicht mehr.
Wenn Harald das Haus von euch wollte, würde ich sagen, ich brauche nichts davon. Wenn er es mir auszahlen muss, kann er es nicht nehmen.

Und wenn ich das Haus brauche, würde Harald sagen, mein Teil brauchst du nicht [auszuzahlen]. Und das Haus würde erhalten, und so würde es vielleicht verkauft werden. Das wäre nicht schlimm, wir brauchen es ja nicht.

[Mama]
Das werdet ihr schon recht machen.

[ich]
Das glaube ich auch. Und bei uns wird es keinen Streit geben, weil jeder zufrieden ist.
Und die meisten Menschen, wo du manchmal denkst, wir sollten so sein, die würden streiten, wenn du das sagst.

Und deshalb habt ihr etwas geschaffen, was ganz wenige Menschen nur schaffen. Aber das heißt nicht, dass man in die Gesellschaft hineinpasst. Aber wir gehen halt genau nicht kaputt daran.

Es gibt Aussteiger, aber die [Wünsche) gehen sehr oft kaputt. Wir sind auch eine Art Aussteiger. Aber unser Leben funktioniert besser als zuvor.

So dass du dir auch um uns überhaupt keine Sorgen machen musst. Und sogar stolz sein darfst, Mama, dass du unsere Mama bist, die uns so gemacht hat, wie wir sind.

[Mama]
Jetzt könnt ihr noch eine Runde laufen – bei dem schönen Wetter

[ich]
Du brauchst nicht an uns denken. Du bist nur für dich. Wir denken für uns.
Das ist lieb, aber das brauchst du nicht.

Mama, ich hatte das nicht vor, das mit dir zu reden. Das war keinerlei Gedanke.
Das ist einfach nur so gekommen. Aber wenn wir wegfahren und du heimgehst, dann weiß ich, dass alles gesagt ist, was gesagt werden muss zwischen uns.
Du verstehst mich und ich hoffe, dass dir das ein wenig Frieden gibt, was ich gerade sagen durfte.

Überlegt habe ich mir das nicht, Mama. Bei mir kommen Sachen einfach aus mir raus. Deshalb können wir, wenn wir nächsten Freitag nochmal kommen – und am Samstag gehen wir dann [gen Lappland], wir können uns verabschieden, weil wir uns auf jeden Fall wiedersehen.

Entweder hier unten oder da oben. Das verspreche ich dir. Und bis wir uns da oben wiedersehen, müssen bloß wir warten.

Dort oben gibt es keine Zeit. Für dich ist das eine Sekunde. Die Anna [Mamas verstorbene Schwester] wartet nicht auf dich und deine Brüder warten nicht auf dich und deine Eltern warten nicht auf dich.

Da gibt es keine Zeit, da passiert alles im gleichen Moment. Wenn die da oben ankommen, bist du auch schon da. Das kann man sich nicht vorstellen, aber wenn Zeit nicht existiert, wird es so.

Und wenn du da oben bist, wirst du nicht auf uns warten müssen. Wir werden im gleichen Moment auch da sein. <<


[Bei der Heimfahrt treffen wir unsere (und meine erste) Freundin Sibylle, die uns erzählt, dass, als sie Mama im Krankenhaus besuchte, eine Pflegerin zu dem Baum-Buch deutend zu Mama meinte: „Die Worte darin wären die beste Medizin“.]

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