Gefängnis-Übernachtung kurz vor Georgien, auf der wundernvollen Tramptour bis Iran

Es ist bereits nach 21 Uhr, als wir acht Kilometer vor Artvin schon zur Stadt meines Anhalters auf der anderen Seite des tiefen Tales hinüber sehen, bevor es die Serpentinen unweit des dritthöchsten Staudamms der Welt zum Coruh-Fluss hinuntergeht. Nachdem wir den Fluss überquert haben und Murat mich nach herzlicher Verabschiedung hoch oben im Bergstadt-Zentrum rausgelassen hat, suche ich, bei einsetzendem Regen die Gassen hochgehend, nach einem Schlafplatz. Ich entdecke einen Rohbau – und ein Mann meint, es wäre okay darin mein Nachtlager zu beziehen. In der Hoffnung, dass mich niemand gesehen hat, platziere ich Zeltfolie, Liegematte und Schlafsack im Schmutz des hinteren Zimmers – aber schon eine halbe Stunde später, als ich mich gerade schlafen legen will, kommen vier schwerbewaffnete Polizisten und lassen mich, nach rüder Leibesvisitation an der Wand, verärgert hektisch meine Sachen im Baudreck zusammenpacken. Erst als ich sehr energisch zum englisch sprechenden Officer meine „sie müssten mich doch nicht wie einen gewalttätigen Schwerverbrecher behandeln, da ich ihnen doch folge leisten würde“, wird es besser.
Auf der Fahrt im Jeep zum Polizeirevier wendet sich ihre Terrorangst in Interesse, als sie merken, dass ich absolut kein Amerika-Fan bin. Dort angekommen bieten sie mir in ihrer „Taverne“ neben dem Gebäude Tee an und beginnen sich für meine Reiseart zu interessieren – z.B. warum ich ohne genügend Geld reise, um mir ein Hotel leisten zu können? Nachdem ich ihnen meine reichhaltigen türkischen Lira hinblättere und erkläre, dass ich es lieber Hilfebedürftigen zukommen lasse, ist die Türe zu ihren Herzen ganz offen…

…und der Polizeichef bietet mir sogar an, in einer leeren Zelle zu übernachten. „Gerne, wenn ihr morgen früh wieder aufmacht“. So sitzen wir gute drei Stunden freudig bei viel Tee, Späßen und tiefgründigen (Lebens- und Sterbens-)Fragen miteinander – und danach verbringe ich, meine erste Gefängnisnacht auf Holzpritsche zwischen Filzdecken – wenn schon, … 😘
Am Morgen des 9. September, nach einem Tee…

…fährt mich der Polizeichef sogar die fünf Kilometer die Serpentinen durch die Stadt hinunter…

…zur Straße D010 Richtung Georgien – Leben weiß und kann für Frangemann. Nach herzlichem Abschied gehe ich trampend der Bundesstraße entlang mit Blick zur Bergstadt mit meiner Gästezelle 😘
PS:
Viele Jahre danach, beim Erstellen der Bildbände, fällt mir der damalige Rohbau in Google maps zu (41°10’52.0″N 41°49’10.0″E – z.Zt. der Aufnahme schon mit Fenstern).

Hier scheint inzwischen ausgerechnet Kültür ve Turizm Müdürlüğü – die Direktion für Kultur und Tourismus beherbergt 🙃